Doreen ist am 2. Mai gestorben. Tags darauf bekam ich eine Mail von ihr. In der Betreffzeile nur ein Wort: Adieu! Darunter ihr lächelndes Gesicht und zwei Daten: 20.7.1957 – 2.5.2013. Eine Beerdigung finde nicht statt, schrieb sie, da sie ihren Körper dem Institut für Anatomie der Medizinischen Universität Wien vermacht habe. Das war alles. Ein Lächeln in einer Rundmail an Freunde verschickt, typisch Doreen, keine Sentimentalitäten, keine Bestattungszeremonie, keine Kränze und keine Tränen, statt dessen etwas Nützliches: die Medizinstudenten sollten sehen, wie der neuroendokrine Krebs aussieht, der sie getötet hat.
Wie ich später von ihrem Lebensgefährten Luis Ritter erfuhr (den sie „mein Ritter“ zu nennen pflegte), verfasste sie diese Mail zwei Wochen vor ihrem Tod, als sie beschloss, auf die Palliativstation umzuziehen. In der Praxis bedeutete dieser Umzug das Ende des Kampfes gegen den Krebs. Er bedeutete aber nicht, sich selbst aufzugeben. Das Wort „aufgeben“ kannte Doreen nicht. Auf der Palliativstation gelang es ihr, den unmenschlichen Schmerz zu überwinden, der fünf Monate lang ihrem Körper zugesetzt hatte. Sie gewann ihre Ruhe zurück. Für einen Augenblick. Mehr wollte sie nicht mehr. Das war ihr Sieg. Für einen Nachmittag kehrte sie zurück in ihre Wohnung, um ihre Angelegenheiten zu regeln. Auf einem DIN-A4-Blatt erteilte sie Luis Anweisungen: Garderobe und Kosmetika für X, schrieb sie, Kleiderständer aus dem Vorraum für Y, Auto für Z, für A das rosa T-Shirt mit dem Aufdruck „Heiter weiter!“. Auf dem DIN-A4-Blatt räumte sie ihr Leben auf: Telefon und Auto abmelden, Sterbeurkunde da und dort vorlegen, Freunde und Bekannte per Mail benachrichtigen – unbedingt vom eigenen Konto verschicken, bat sie ausdrücklich, souverän bis zum Schluss und sogar darüber hinaus.
Ich hatte sie vor Jahren bei einer musikalischen Soiree in ihrer Wohnung in der Postgasse im eleganten Zentrum von Wien kennengelernt. Freunde hatten mich im Anschluss an eine langweilige Aufführung der Wiener Festwochen mitgenommen, sie konnten sich nicht genug wundern, dass ich Doreen Daume, die Pianistin und Miłosz-Übersetzerin, nicht kannte. Ich kannte sie nur vom Sehen, von den Lesungen in der Alten Schmiede und im Literaturhaus – eine schlanke Blondine mit Schwanenhals und Kurzhaarfrisur. Meist in Schwarz gekleidet, mit moderner Eleganz, war sie mir früher unnahbar erschienen.
An jenem Abend spielte ihre Freundin, eine Studentin des Wiener Konservatoriums, für die Gäste. Doreen ließ sie oft an ihrem Klavier üben, wenn die Proberäume besetzt waren, was vor den Prüfungen häufig vorkam; sie revanchierte sich mit Hauskonzerten. Doreen trat damals schon nicht mehr auf. Zur Aufgabe ihrer Karriere als Pianistin zwang sie ihre Krankheit, die sich Anfang der neunziger Jahre bemerkbar machte: multiple Sklerose.
Mit dieser Diagnose schloss sie ihr Studium an der Musikhochschule ab und begann als Klavierlehrerin zu arbeiten, wohl wissend, dass sie ihren Beruf, der große motorische Fertigkeiten erforderte, früher oder später würde aufgeben müssen. Recht schnell merkte sie, wie frustrierend es sein kann, Kinder zu unterrichten, die Musik hassen und nur zum Unterricht erscheinen, um den Ehrgeiz ihrer Eltern zu befriedigen. Mit etwas mehr als dreißig Jahren musste sie sich neu erfinden.
Sie lernte Polnisch – angeblich zuerst, um die Lästereien ihrer Schwiegermutter zu verstehen. Ihr erster Ehemann war Pole. Die erste polnische Lektüre war „Pu der Bär“, die nächste schon „Die Zimtläden“.
Die verhinderte Pianistin, die gerade ihr zweijähriges Übersetzerstudium an der Universität Wien (1999) beendete, entdeckte, dass die Übersetzung der „Zimtläden“ bei weitem nicht die literarische Klasse des Originals hatte. Also schrieb sie einen flammenden Brief an den deutschen Herausgeber von Bruno Schulz, den renommierten Hanser Verlag, und schlug eine eigene Übersetzung vor. Der Verlagschef sah jedoch keinen Bedarf, eine Neuübersetzung in Auftrag zu geben (die bestehende war „gerade einmal“ vierzig Jahre alt), schon gar nicht bei jemandem, der noch keinerlei Übersetzungen vorzuweisen hatte, wie er ihr freiheraus mitteilte, amüsiert über ihren naiven Enthusiasmus.
So begann Doreens übersetzerisches Abenteuer mit Schulz’ Texten, das über ein Jahrzehnt währte und von großem Erfolg gekrönt war: Doreen erhielt für „Die Zimtläden“, die sie schließlich 2008 im Hanser Verlag (also doch!) veröffentlichte, die wichtigsten Übersetzerpreise im deutschsprachigen Raum (u. a. das Zuger Übersetzer-Stipendium in Höhe von 25.000 Euro und den österreichischen Staatspreis für literarische Übersetzung), und die Kritiker der größten deutschsprachigen Zeitungen lobten die kongeniale Übersetzung, die es ihnen erlaubte, den Schriftsteller aus Drohobycz neu zu entdecken, in höchsten Tönen.
Wir freundeten uns im Herbst 2004 an, während unseres gemeinsamen Aufenthaltes in der Villa Decius in Krakau als „Homines Urbani“-Stipendiaten zusammen mit Juli Zeh, Tanja Dückers, Jakub Ekier und Andrij Bondar. Sie hatte sich als Übersetzerin polnischer Literatur bereits einen Namen gemacht, obwohl seit ihrem Debüt („Hündchen am Wegesrand“ von Czesław Miłosz) erst vier Jahre vergangen waren. In diesem kurzen Zeitraum veröffentlichte sie u. a. Gedichtbände von Miłosz, Mariusz Grzebalski, Ewa Lipska und Piotr Sommer, Prosa von Janusz Rudnicki und Włodzimierz Kowalewski sowie Marek Krajewskis Bestseller „Tod in Breslau“. Sie wartete immer noch darauf, endlich einen Vertrag für eine neue Schulz-Übersetzung zu bekommen, während Hanser sie mit immer neuen Übersetzungen beauftragte – Doreen sammelte Erfahrungen.
In der Villa arbeitete sie an der Übersetzung mehrerer Theaterstücke für das Festival „Europäische Theatertage“ in Bremen. Das zeitgenössische Drama war für sie ein neues Terrain, das sie voller Eifer zu erkunden begann – nicht einmal der Neusprech der Prolls konnte ihren Elan bremsen (in Bremen wurde sie 2005 für die sprachliche Kreativität ihrer Übersetzungen ausgezeichnet). Abends kochte sie für uns in der Gemeinschaftsküche des Stipendiatenhauses „Dom Łaski“ Kürbiskernsuppe.
Sie war eine leidschaftliche Spaziergängerin. Zur Mittagszeit erstrahlte der Park der Villa in grellen Herbstfarben, und wir Bücherwürmer vergruben uns in unseren Texten, um erst abends aus unseren Höhlen hervorzukriechen, wenn sich in Kazimierz die Lokale füllten, der Rauch immer dichter wurde und im Keller der „Alchemia“ die Beschallung durch die Livemusik jegliche Unterhaltung unmöglich machte. Doreen dagegen, die wie eine Blume dem Lauf der Sonne folgte, konnte den täglichen Mittagsspaziergang kaum erwarten und durchstreifte mit Entdeckerfreude die wildesten Winkel von Wola Justowska. Nur widerstrebend ließ ich mich überreden, mit in den Wald zu kommen – zu einer Tageszeit, in der das Gehirn durch eine entsprechende Dosis Koffein angetrieben, erst langsam auf Touren kommt –, geplagt von Schuldgefühlen wie die Klassenbeste, die vergessen hat, ihre Hausaufgaben zu machen. Für Doreen bedeutete spazieren gehen mehr als nur Sonne und frische Luft tanken, die, wie man weiß, in Krakau Mangelware ist. Die „unheilbar Kranke“ (was man in ihrer Gesellschaft leicht vergaß) war bewegungshungrig und die Sportlichste von uns allen. In Wien trainierte sie regelmäßig, fuhr auf der Donauinsel Fahrrad, skatete dreißig Kilometer inline, spielte im benachbarten Park Speedminton und Tischtennis, alles, um fit zu bleiben, die Muskeln zu kräftigen, der Krankheit zu trotzen.
Ich ertappte mich manchmal dabei, wie ich ihre weichen, tänzelnden Bewegungen beobachtete und in ihnen Anzeichen der Krankheit zu erkennen suchte. Hätte ich es nicht gewusst, ich hätte es nie erraten. Der Krebs, der im vergangenen November plötzlich auftauchte, verbreitete sich in erschreckendem Tempo und hatte den Nebeneffekt, dass die ursprüngliche Krankheit, multiple Sklerose, deren feindseliger Klang den Gedanken an einen Rollstuhl in naher oder etwas fernerer Zukunft weckte, als eine unschuldige, chronische Unpässlichkeit erschien …
Im Winter, von der Chemotherapie niedergestreckt, nur dank Morphiumpflastern in der Lage, das Bett zu verlassen, schrieb sie: „Ich habe die Tischtennisplatte im Park von Blättern und Schnee befreit. Das muss als Gymnastik für heute genügen. Morgen versuche ich mit Luis ein paar Ballwechsel …“. Die Vitalität der todkranken Doreen konnte Gesunde beschämen.
Ihre Wiener Wohnung war lichtdurchflutet, mit moderner Eleganz eingerichtet, funktional: einfache Bänke mit schwarzem Leder bezogen, ergonomische Stühle – für die Arbeit am Schreibtisch und zum Lesen – stabile Ständer für die Wörterbücher, an den Wänden Schulz-Graphiken; ein weißer Mac, ein schwarzes Klavier, graue, bis an die Decke mit Büchern gefüllte Regale … Die Wohnung war hell und gut geordnet, so wie sie.
Sie lag idealerweise gleich neben der U-Bahn-Station Stubentor und den intellektuellen Wiener Kaffeehäusern Prückel und Engländer, in die Doreen in Patschen hinuntergehen konnte. Wir trafen uns meist im Engländer, wo die Atmosphäre weniger süßlich war – wir standen beide nicht auf Kaffee und Kuchen, der Kulturtanten und Studenten ins Prückel lockte. Der Engländer kam ohne Schlagobers aus. Wir zogen die englische Clubatmosphäre dem plüschigen Wiener Flair im Prückel vor. Krzysztof Michalski vom Institut für die Wissenschaft vom Menschen (2013 gestorben) war im Engländer Stammgast, Schriftsteller wie Gert Jonke (2009 gestorben) und Robert Schindel schauten oft vorbei, Peter Sloterdijk kam gelegentlich zur Mittagszeit hereingestürzt, um Eier mit Speck zu verzehren, und abends dinierte hier häufig Luc Bondy mit seiner Entourage.
Wir breiteten auf dem Tisch unsere Notizbücher, Listen mit Fragen zu aktuellen Übersetzungen und Originaltexte aus und machten uns an die Arbeit. Wir übersetzten in entgegengesetzte Richtungen – die Ausgangssprache der einen war die Muttersprache der anderen und umgekehrt –, weshalb wir uns beim Entschlüsseln und Erklären von Mehrdeutigkeiten und Kontexten gegenseitig helfen konnten. Doreen liebte Wortspiele, ging der Sprache auf den Grund – gewann im Scrabble auf Polnisch selbst gegen Muttersprachler. In unsere Umgebung kam Leben, wenn ich ihr auseinandersetzte, was „lachociągi“ [Frauen, die Männer oral befriedigen] sind oder „złapać fazę“ [nach Alkoholgenuss eine euphorische Phase erleben] heißt. Oder als wir laut überlegten, was Tkaczyszyn-Dycki mit „skończyłem na Leszku“ gemeint haben könnte: „ich bin mit meinem Leben am Ende“, „ich bin erledigt“ oder vielleicht „ich bin auf Leszek gekommen und habe abgespritzt“, fragte Doreen sachlich, wobei sie die Stirn nachdenklich in Falten legte. Krzysztof Michalski versank noch tiefer hinter seiner Zeitung.
Sie hatte die Gewohnheit, sich in den Büchern mit Kugelschreiber Notizen zu machen. Durch Unterstreichungen, Kommentare, krumme Ausrufe- und Fragezeichen eignete sie sich den Text physisch an – war sie mit ihm fertig, stellte sie das vollgekritzelte Exemplar ins Regal und kehrte nie wieder zu ihm zurück. Ähnlich war es, wenn eine Arbeits- oder Lebensphase zu Ende ging. Doreen machte Ordnung, säuberte den Computer, leerte ihr Mailkonto, machte Platz für neue Texte, neue Begegnungen, neue Erfahrungen. Sie sammelte keine Andenken, hob keine Briefe auf, schleppte keinen Ballast aus der Vergangenheit mit sich herum. Einmal bekannte sie mir gegenüber, sie wisse nicht, was Melancholie sei.
Sie stammte aus Deutschland, wurde in Dortmund geboren, in einer wohlhabenden bürgerlichen Familie. Willi Daume, ihr Vater, war Unternehmer und Sportfunktionär, Präsident des deutschen Nationalen Olympischen Komitees und Organisator der Olympischen Sommerspiele in München 1972.
Ihre Kindheit und Jugend verbrachte Doreen in Bayern, in der repräsentativen Villa Waldberta am Starnberger See. Viele Jahre später kam sie als Übersetzerin und Stipendiatin zurück. Sie freute sich, dass die riesige Villa endlich als Internationales Künstlerhaus ihre Bestimmung gefunden hatte. Mit Genugtuung führte sie die Mitbewohner durch den ehemaligen Haushalt der Familie Daume, bei der seinerzeit u. a. Willy Brandt und Henry Kissinger zu Gast gewesen waren. Als Einzige der Familie konnte sie in das großbürgerliche Haus zurückkehren, in dem sie einst zu ersticken drohte und aus dem sie in die Welt der Künste geflüchtet war.
In früher Jugend beschloss sie Pianistin zu werden. Den konservativen Eltern gefielen die künstlerischen Pläne der Tochter nicht. Wäre es nach ihnen gegangen, hätte Doreen einen reichen Unternehmer geheiratet, ihm Kinder geboren und sich mit der Rolle der „repräsentativen“ Ehefrau begnügt. Doch sie widersetzte sich dem autoritären Vater und zog nach Wien. Sie wollte von den Besten lernen und brauchte Abstand von der Familie, der sie sich immer mehr entfremdete, bis sie ganz mit ihr brach. Sie wurde Wahlösterreicherin – in Wien verbrachte sie über dreißig Jahre, also einen Großteil ihres Lebens.
Sie hatte eine Angewohnheit, die angesichts ihrer ausgezeichneten Erziehung recht exzentrisch anmutete: Im Restaurant schminkte sie sich die Lippen, indem sie ein Messer als Spiegel benutzte. Sie war darin geübt und machte sich nichts aus den tadelnden Blicken der Damen an den Nachbartischen. Vor zwei Jahren brachte ihr Amanita Muskaria aus Buenos Aires, vom Flohmarkt in San Telmo, ein Geschenk mit: einen silbernen Esslöffel, in den ein Spiegelchen eingelassen war. Dieser pfiffige Löffel belustigte sie sehr. Aber natürlich trug sie ihn nicht bei sich in der Handtasche. Wozu einen Löffel mit sich herumtragen, wenn ein Messer zur Hand ist. Diese kleine provokative Geste war ein Überbleibsel ihrer jugendlichen Rebellion gegen die bürgerliche Etikette.
Das musikalische Gehör und ihre Ausbildung zur Pianistin prädestinierten sie geradezu zum Übersetzen von Lyrik und lyrischer Prosa – Lyrik macht die Hälfte ihrer Bibliographie aus. Häufig verglich sie die Arbeit des Übersetzers mit der Interpretation eines musikalischen Werkes. In einem kurzen unveröffentlichten Text schrieb sie über ihre musikalischen Inspirationen:
„Wenn die Stille akzeptabel ist und der zu übersetzende Text exzellent, und wenn ich keine Sekunde an die Zeit denken muß, dann passiert es, daß sich beim Übersetzen ,außerliterarische Anmutungen‘ einstellen. Dann schlägt ein Text in mir die gleiche Saite an, wie etwa ein Musikstück oder ein Bild, und evoziert einen Affekt, der eigentlich der anderen Sphäre entlehnt ist, nun jedoch auch meine Übersetzung inspiriert und eventuell koloriert.
Bei den Texten von Bruno Schulz fällt mir oft Klaviermusik von Alexander Skrjabin ein, oder die Kreisleriana von Robert Schumann. Die Lyrik von Andrzej Kopacki läßt Bilder von Kandinsky oder Paul Klee vor mir entstehen, Jakub Ekiers Gedichte klingen sehr nach Anton Webern – abgesehen von einem, das wie eine Chopin-Polonaise donnert. Czesław Miłosz gemahnt oft an Anton Bruckner (was meine Saiten betrifft), Mariusz Grzebalski an Cool Jazz und Marta Podgórnik an Tom Waits. Aber natürlich nicht immer. Ich könnte das alles wahrscheinlich begründen, bin aber froh, daß ich es nicht muß. Es sind meine kleinen privaten Aberrationen, für mich die glücklichsten Momente bei der Arbeit. Denen allerdings unbedingt noch viele Momente des sachlichen Durchdenkens und der nüchternen Betrachtung folgen müssen. Es ist also unerlässlich, die unter solcherlei Einflüsterungen entstandenen Texte noch einmal bei gemäßigtem Baustellenlärm und Tageslicht durchzugehen.“
Der Baustellenlärm wurde jedoch unerträglich – in unmittelbarer Umgebung ihrer sonnigen Wohnung in der Postgasse wurden in den letzten Jahren mehrere Dachböden ausgebaut –, was sie letztlich zwang, in den vierten Bezirk umzuziehen. Sie bereute es nicht, überhaupt schien sie nichts zu bereuen. Sie akzeptierte Veränderungen, wenn sie unvermeidlich waren, Beschränkungen nahm sie demütig hin, selbst in der Krankheit sah sie eine Chance.
Einst zwang die multiple Sklerose sie, die Klaviatur des Pianos gegen die Tastatur des Computers einzutauschen. Sie vollzog diese Kehrtwende mit viel Charme, zum eigenen Nutzen, aber auch zum Nutzen der Literatur – nicht nur der polnischen. Seit einiger Zeit hatte sie wieder das Gefühl gehabt, die Zeit wäre reif für Veränderungen. Sie wollte weniger übersetzen und sich mehr aufs Schreiben verlegen. Ihre sprachlichen Fertigkeiten beschloss sie, in der Werbung zu erproben. Im letzten Jahr schloss sie einen Kurs für Werbetexter ab. Denn selbst der Erfolg der Schulz-Übersetzung zeigte, auf zehn Jahre Arbeit hochgerechnet, wie schwer es ist, vom Übersetzen zu leben.
Trotz aller Anerkennung, die ihr zuteilwurde, erlebte sie auch manchen bitteren Moment in diesem wenig geschätzten und schlecht bezahlten Beruf. Sie litt darunter, als Übersetzerin rein instrumental behandelt zu werden. Am meisten schmerzte sie das bei dem Verlag, mit dem sie schon lange zusammengearbeitet hatte. Voller Enthusiasmus machte sie sich vor zwei Jahren an eine neue Übersetzung – die Gegenstand eines mündlichen Vertrages war. Sie schickte die Texte, aber der Verlag schwieg … Von Krankheit gebrochen, verlangte sie die Honorierung ihrer Arbeit, telefonisch wie schriftlich, und erfuhr auf zweierlei Weise eine unbegreifliche und durch nichts begründete Geringschätzung. Die Nachricht, dass die Texte veröffentlicht werden, traf erst nach ihrem Tod ein.
Nach dreizehn Jahren Literaturübersetzen wusste Doreen nur zu gut, dass nicht jede Übersetzung Flügel verleiht. Sie wusste, dass Übersetzungen Transfusionen fremden Blutes sind: Manchmal perlt der Text in den Adern wie Champagner, manchmal lagert er sich ab wie lehmiger Brei, wie Blei, und vergiftet …
Als sie vorigen November erfuhr, dass sie Krebs hat und es im Grunde schon zu spät ist, Hoffnung zu haben, beendete sie gerade die Übersetzung von Mrożeks Tagebüchern. Ich sagte ihr: Vergiss es, Doreen, verlass diesen Steinbruch, lass jemand anderen den Text zu Ende übersetzen … Sie wollte nicht auf mich hören, sie fühlte sich verpflichtet, dem Verlag und dem Autor gegenüber. Loyal und gewissenhaft bis zum Schluss. Sie hatte sich bemüht um diese Übersetzung, an einem Wettbewerb teilgenommen und ihn gewonnen. Damals hatte sie nicht gewusst, worauf sie sich einließ. Mrożeks Depressionen auf achthundert Seiten. Später gab sie zu, dass sie stets dann Hoffnung schöpfte, wenn Mrożek sich betrank – da er in diesem Zustand gelegentlich ein paar geistreichere Gedanken hatte, wenngleich er im Tagebuch meist nur das Uninteressante festhielt und Dramatisches oder zumindest nicht Alltägliches schweigend überging. Darüber hinaus war der Text stellenweise wirr und nicht redigiert worden – vermutlich hatte man zu viel Respekt vor dem Autor gehabt. Doreens mimetische Präzision erwies sich in diesem Fall als verhängnisvoll. In ihrer Verzweiflung schickte sie mir lange, syntaktisch zerstückelte Tagebuchsätze und Gedankenketten mit wechselnden Subjekten und bat mich, ihr zu helfen, zu verstehen, worum es ging.
Zwischen den einzelnen Chemotherapien machte sie mit Mühe ihre Korrekturen. Kurz vor Weihnachten rief sie mich an und sagte, sie wäre fertig. Angesichts ihres Gesundheitszustands war das ein heroischer Akt.
Sprachliches Talent, Belesenheit, Liebe zur Literatur und hervorragende Fremdsprachenkenntnisse sind zu wenig, um Übersetzer zu sein. Unerlässlich ist Empathie. Doreen hatte sie im Übermaß.
Zwei Wochen nach ihrem Tod traf ich mich mit Luis in ihrer Wohnung. Auf dem Notenpult des Klaviers im Wohnzimmer standen noch die Goldberg-Variationen. Ich kann nur noch Bach spielen, sagte sie, als wir uns das letzte Mal sahen, das ist eine Musik, die selbst dann noch wunderbar klingt, wenn sie schlecht gespielt wird, und ich bin schon so schwach … Auf dem schwarzen Sofa lagen die Erzählungen von Alice Munro, die Doreen zuletzt entdeckt hatte.
Vor zwanzig Jahren erschien die Krankheit, um mir zu helfen, mein Leben zu ändern, sagte sie im Dezember, sie erschien, als ich die Nase voll hatte, widerspenstige Kinder zu unterrichten, die für Musik taub waren. Und jetzt erscheint die Krankheit in einem Moment, in dem ich nicht mehr das übersetzen will, was mir die Verlage vorschlagen, sondern nur das, was ich selbst entdecke, was mich inspiriert. Ich will schreiben. Ich weiß nicht, ob ich noch dazu kommen werde, sagte sie. Sie kam nicht mehr dazu. Sie hatte zu lange gewartet. Zu lange hatte sie ihre brillante Feder – wovon ihre veröffentlichten Texte zeugen – anderen geliehen.
Ihr letzter Essay, den sie in ihren letzten Lebenswochen geschrieben hat, erzählt von einem Akrobaten , beziehungsweise von drei Akrobaten. Inspiration war das Lemberger Lied „Der Akrobat ,die Fliege‘“ gewesen, das DIE GROSSMUTTER in dem von Doreen übersetzten Stück „Daily Soup“ sang: „Kam einmal nach Lemberg, der Akrobat ,die Fliege‘ – fiel vom Dach, drei Stockwerk tief, wo er auf der Stell’ entschlief.“ Doreen war eine Akrobatin. Ihr ganzes Leben tanzte sie auf dem Hochseil – ohne Sicherung. Das Schicksal warf ihr Klötze zwischen die Beine, denen sie anmutig auszuweichen wusste, indem sie einen meisterhaften Salto mortale über dem Abgrund vollführte. Sie schienen ein eingespieltes Paar zu sein. Und plötzlich das. Ein Schlag unter die Gürtellinie. Eine Ungerechtigkeit. Eine Schweinerei.
Das Schicksal wollte es so. Zum Teufel mit ihm.
Monika Muskała
(aus dem Polnischen: Andreas Volk)
Doreen Daume (1957-2013) – Übersetzerin polnischer Literatur ins Deutsche, vor allem Lyrik: Czesław Miłosz, Ewa Lipska, Piotr Sommer, Mariusz Grzebalski, Andrzej Kopacki, Jakub Ekier, Ewa Podgórnik, Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki. Für die Übersetzung der „Zimtläden“ und des „Sanatoriums zur Sanduhr“ von Bruno Schulz erhielt sie höchste Auszeichnungen und Preise.
Monika Muskała – Übersetzerin deutscher Literatur ins Polnische, u. a. Thomas Bernhard, Werner Schwab, Frank Wedekind, Ödön von Horvath, Heiner Müller. Unter dem Pseudonym Amanita Muskaria schrieb sie zusammen mit ihrer Schwester Gabriela zwei Theaterstücke: „Die Reise nach Buenos Aires“ [Podróż do Buenos Aires] und „Daily Soup“. Beide erschienen in Doreen Daumes Übersetzung auf Deutsch.